Tagungsbericht IASPM, Kassel 2017

„I think this is going to be our place for the next days!“

Ein subjektabhängiger Tagungsbericht zu „Popular Music Studies Today – 19th Biennial Conference of the International Association for the Study of Popular Music“ (26.-30.06.2017)

Ein bisschen ist das, wie auf einem Festival oder selbst auf Tour zu sein: Fünf Tage haben sich nun also weit über 300 internationale Forscherinnen und Forscher in der nordhessischen Documenta-Stadt Kassel getroffen, um sich im Kulturbahnhof des alten Hauptbahnhofs über ihre Erfahrungen und Forschungen mit Popular Music auszutauschen – und nicht erst wieder bei der Legitimation dieses sehr reichhaltigen Forschungsgebietes anzusetzen. Der weltweite bunte ‚Zirkus’ der Popular Music Studies macht alle zwei Jahre Station auf seinem großen Kongress, zuletzt wurde sich 2015 in Campinas in Brasilien getroffen, nächste Station wird in 2019 Canberra in Australien sein. Angesichts der weiten Entfernungen zu diesen Orten ist es wohl nicht übertrieben, die Tagung in Kassel als wahrscheinlich einzige weltweite IASPM-Konferenz in D-A-CH im Laufe der eigenen akademischen Karriere zu betrachten. Das letzte Mal wurde 1991 in Berlin getagt, in der Schweiz oder Österreich sogar noch nie. Bereits vor der Gründung von IASPM D-A-CH hatte sich Jan Hemming (Universität Kassel/Deutschland) um die Ausrichtung dieser großen Tagung beworben und schließlich erfreulicherweise den Zuspruch bekommen (-> siehe folgenden link:  IASPM Conference Kassel). Seither haben Jan und sein Team aus Kassel sowie zahlreiche Helferinnen und Helfer z.B. im Organisationskommitee an und auf der Tagung gearbeitet; darunter auch zahlreiche Mitglieder von IASPM D-A-CH sowie eigens von der IASPM und den lokalen Veranstaltern geförderte Studierende.
Für uns als IASPM D-A-CH war es wichtig, in Kassel gut und aktiv vertreten zu sein. Dies wurde besonders sichtbar durch die „Welcome Reception“ von IASPM D-A-CH am Montag Abend (-> siehe folgenden link: Photo Gallery). Über 200 Interessierte drängelten sich im zweitgrößten Tagungsraum und waren offenbar derart positiv beeindruckt vom dortigen Meet-and-Greet, dass die eigens von Werner Jauk (Universität Graz/Österreich) für IASPM D-A-CH produzierte Sound-Installation (-> siehe folgenden link: Sound Installation Werner Jauk) fast ein wenig in den angeregten Gesprächen miteinander und dem Studium der zahlreichen Plakate, Poster (-> siehe Poster-Session) und Flyer aus IASPM D-A-CH unterging. Neben Jauks’ inspirierenden Sounds und kurzen Ansprachen (nach Reihenfolge des Auftritts) von Goffredo Plastino (Newcastle University/UK, Chair IASPM), Jan Hemming, Christoph Jacke (Chair IASPM D-A-CH, Universität Paderborn/Deutschland) und Anja Brunner (General Secretary IASPM D-A-CH, Universität Bern/Schweiz) stand hier der kommunikative Austausch beim abendlichen Begrüßungsdrink im Vordergrund und wurde ‚offenhörbar’ bestens genutzt. Sounds und Präsentationen der Reception werden übrigens auch online verfügbar gemacht.

Zudem waren auf der gesamten Tagung erfreulich viele Vorträge und Panels diverser Mitglieder von D-A-CH vertreten. Von „Popular Music Perspectives“ (die erste IASPM-Tagung in Amsterdam 1981) bis zum aktuellen Motto „Popular Music Studies Today“: Neben der thematisch riesigen Spannbreite, die die sehr offenen Tagungstitel offenbar ermöglichen sollen, fielen unter den Referierenden, Mitarbeitenden sowie Besuchenden vor allem sehr viele jungen Forscherinnen und Forscher auf. Auch zwei größere Gruppen von Studierenden der Kunstuniversität Graz und der Universität Paderborn tauchten neugierig in die Welten der Popular Music Studies ein und zeigten sich ob der Vielfalt der präsentierten Angebote und Studien auf Tagung und Reception fasziniert: Die Vorträge und Diskussionen reichten dabei von Kuratieren, Archivieren und Nostalgie über diverse Live-Businesses/Festivals, Ökologien des Internets über Digitalisierungen, Politiken und Sakralisierungen bis zu den bemerkenswert zahlreichen DJ- und Dancemusic-Studien, die jeweils oftmals orientiert an Geographien waren wie etwa Latein- und Süd-Amerika, Südost-Asien, Süd-Korea/Japan, Russland/Ukraine, Australien oder D-A-CH.

Die beiden sehr divergent ansetzenden und genau deswegen lohnenden Keynotes kamen von Robin James (University of North Carolina, Charlotte/USA) zur Problematik der Feminisierung von Chill Pop und Harmonie sowie zur Quantifizierung unseres medienkulturellen Alltags und von André Doehring (Kunstuniversität Graz/Österreich) zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Popular Music und Jazz Studies. Die thematischen Streams der Tagung zogen sich durch unterschiedliche Forschungsansätze, Genres, Geographien und Phänomene: Researching, Analysing, Teaching/Learning, Remapping, Narrating sowie Technology and Popular Music. Hier seien genauere Blicke in das Programm und die Abstracts auf der Tagungsseite (-> siehe folgenden link: IASPM Tagung Kassel), in die zur Tagung von Julia Merrill herausgegebenen Proceedings und in den sehr akribischen Blog von Joe Bennett (Boston Conservatory At Berklee/USA) empfohlen. Bennett hat in seinem Blog nach der Tagung übrigens eine wunderbare Liste der überflüssigsten Anmerkungen in den Diskussionen der Präsentationen aufgeführt, wo dann zum Beispiel „Thank you for a great presentation…“ eigentlich „I’d like to tell you about my work“ meint.

Wie sich in diversen Treffen von Gremien und Gruppen herausstellen sollte, ist unser immer noch recht junger, bekanntlich 2012 gegründeter Branch auf einem sehr guten und sehr aktiven Weg, zu seinem bedeutenden Zweig der IASPM zu werden. Sowohl Tagungsteilnehmende als auch insbesondere Chairs anderer Branchs zeigten sich sehr interessiert an der Gründung und Entwicklung von IASPM D-A-CH und an unseren aktuellen Themen und zukünftigen Vernetzungen. Wir sollten daher, sehr ermutigt durch Kassel, unbedingt weiter so umtriebig voranschreiten! Gleichwohl bleibt der Mangel an Teilnehmenden aus Russland, China und Afrika auch Thema in den Gremien der IASPM und auf der Tagung. Im General Meeting, also der Mitgliederversammlung, wurde auch das diskutiert. Zudem wurde dort turnusgemäß ein neues Executive Committee gewählt (für Einzelheiten und die Auflistung des gesamten neuen Committees siehe das noch von der IASPM zu veröffentlichende Protokoll); mit überaus erfreulichem Ausgang für D-A-CH: Julio Mendívil (Universität Frankfurt am Main/Deutschland) ist neuer Chair/Erster Vorsitzender der IASPM für die kommenden zwei Jahre. Wir gratulieren Julio ganz herzlich und freuen uns, mit ihm ein Mitglied sowohl der Gründungsgruppe als auch des aktuellen Advisory Boards von IASPM D-A-CH nunmehr als weltweiten Chair ansprechen zu können!

Als persönlicher Wunsch für die Zukunft sollte m.E. eine noch stärkere explizite Einbindung sowohl der Economics (Bereiche wie Kulturbetriebslehre oder Wirtschaftspolitikwissenschaften wurden lediglich leicht gestreift) als auch der außerakademischen Berufspraktiken angestrebt werden. Implizit freilich ließen sich bei zahlreichen Referierenden Erfahrungen vor allem in der musikalisch-künstlerischen sowie in der Musikproduktions-Praxis, einige Male auch Referenzen an Film und Journalismus erkennen. Vor allem eher wirtschaftliche Bereiche der Popmusik wie Labels, Events, Games, Design, Marketing, PR und Werbung schienen zumindest nicht derart auf. Dabei wäre es auch für weitere Forschungen in den Black Boxes der Popmusik- und -kulturindustrien immens wichtig, mit und in diesen zu analysieren.

Wie immer auf solchen großen Kongressen spielte sich vieles in den zahlreichen produktiven und durchaus auch lustigen Gesprächen in den Kaffeepausen, beim Lunch auf dem Gleis oder auch abends vor allem im Biergarten der nahegelegenen legendären Lolita Bar, einem alteingesessenen Punk- und Indie-Club ab. Wie sagt es Geoff Stahl (Victoria-University Wellington/Neuseeland) so treffend, als wir uns dort zufällig schon am Sonntag Abend trafen: „I think this is going to be our place for the next days!“. Wie Recht Geoff hatte, wurde die nächsten Tage klar: der Garten verwandelte sich durch die sehr vielen IASPMites von Beginn an geradezu in eine IASPM-Location und wurde zu einem zentralen lebendigen Treffpunkt für IASPMites untereinander sowie mit Documenta-Besuchenden und Einheimischen neben und nach der Tagung.

Irgendwie war es schon komisch, aus der sehr wirbeligen Tagungsblase in Kassel wieder im außer-IASPM’schen Alltag anzukommen. Bei mir hat diese Rückkehr zwei bis drei Tage gedauert. Wie mir so einige andere Teilnehmende bestätigten, hatte sich offenbar bei vielen auf angenehme Art und Weise der Groove eines Festivals oder einer Tour eingestellt. Gut und schön, dass wir zusammen in Kassel so inspirierend und inspiriert ‚im Zirkus’ grooven konnten. Dafür noch einmal ganz herzlichen Dank an Jan Hemming und sein Team, an alle helfenden Hände auf der Tagung und unserer Reception, an die Universität Kassel und die DFG für die Förderung, an das alte Executive Committee der IASPM und letztlich an alle so angenehm kommunikativen und dementsprechend aktiven Besuchenden!

CU in Bern 2018 and Canberra 2019!
Ihr und Euer Christoph Jacke, im Juli 2017

weiterführende Links:

IASPM

Blog Joe Bennet

 

 

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