IASPM-DACH Konferenz 2014 – Tagungsbericht

Charlotte Mohns, Chris Kattenbeck und Florian Roderburg

 “At first we could say that the term popular music had too many different meanings.”

Auch wenn der Pariser Soziologe Gérôme Guibert sich hier explizit auf ein Problem der französischen Erforschung von Populärer Musik im 20. Jahrhundert bezieht, hat seine Feststellung in Bezug auf die derzeitige Auseinandersetzung mit dem Gegenstand kaum an Aktualität eingebüßt. Weder existiert eine allgemeine Definition des Begriffs noch eine Verständigung darüber, wie sich diesem vielschichtigen Phänomen überhaupt adäquat genähert werden sollte. Zwar sind die meisten mittlerweile davon überzeugt, dass gehaltvolle Erkenntnisse nur durch eine multiperspektivische Herangehensweise gewonnen werden können, unklar ist jedoch häufig wie genau eine solche Interdisziplinarität zu gestalten wäre. Auf seiner ersten wissenschaftlichen Konferenz “Conceptualising popular music. Öffnungen, Aneignung, Positionen” hatte es sich der deutschsprachige Zweig der IASPM deshalb zur Aufgabe gemacht, genau diese Problematik gemeinsam mit verschiedenen VertreterInnen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen und Forschungstraditionen zu diskutieren: MusikwissenschaftlerInnen, SoziologInnen, StädteplanerInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen, Urheberrechts-AnwältInnen: Ihnen allen bot vom 24.-26.10.2014 die Universität Siegen ein Forum für wissenschaftlichen Austausch, in dem die verschiedenen Zugangsweisen, Theorien und Methoden angeregt diskutiert wurden. Unterteilt in vier zu übergeordneten Themen zusammengefassten Panels, zwei Keynotes sowie einer Poster-Session und einem Nachwuchs-Workshop versprach die Konferenz neben einem straffen Zeitplan vor allem eins: viel Abwechslung.

Und so gewährte gleich in der ersten Keynote der eingangs erwähnte Gérôme Guibert den etwa 100 (!) Teilnehmenden interessante Einblicke in die französische soziologische Forschung zur Populären Musik. Der als kurzer historischer Abriss konzipierte Vortrag eröffnete zwar keine neuen Perspektiven auf den Gegenstand, verdeutlichte dafür aber umso anschaulicher die Schwierigkeiten und Widerstände, mit denen sich die Forschung in Frankreich konfrontiert sah und teilweise noch immer sieht. Guiberts Präsentation zeigte, dass nicht nur zwischen den einzelnen Disziplinen, sondern auch zwischen Ländern teils gravierende Unterschiede in Verständnis und Umgang mit Populärer Musik existieren und wie wichtig daher die Verständigung über Begriffe ist, um sich sowohl interdisziplinär als auch international sinnvoll mit bestimmten Phänomenen auseinandersetzen zu können.

Das erste Panel „Inszenierungen und Zuschreibungen – Literatur-, theater- und medienwissenschaftliche Perspektiven“ eröffnete Martin Butler (Oldenburg). Der gelernte Amerikanist machte seine Position von Anfang an klar: „Die Amerikanistik hat nie einen philologischen Kern gehabt.“ Mit dieser konsequenten und strategischen Leugnung betonte er das Potential einer Kultur, die als Produkt der Einwanderer und der Pioniere verstanden wird – einer Kultur, die sich durch ihre regionale bzw. ethnische Verschiebung von den europäischen Wurzeln zu lösen versuchte – und dies noch bis heute tut. Des Weiteren wies er auf die nicht zurückzuweisende Ambivalenz des Popbegriffs hin: Auf der einen Seite hätte eine Distinktion das Risiko des Ausschlusses eines Teilbereichs zur Folge; auf der anderen Seite betonte Butler, dass „man am besten forscht, wenn man das kanonische auch beherrscht“. Die Theaterwissenschaftlerin Barbara Hornberger (Hildesheim) setzte das Panel mit ihrem Vortrag „Der Auftritt der Musik. Theaterwissenschaftliche Perspektiven zur Erforschung Populärer Musik“ fort. „Wie lässt sich wissenschaftlich über etwas sprechen, das nicht wirklich greifbar ist?“ fragte sie gleich zu Beginn und unterstrich so die fehlende Haptik in der Musik als reine Zeitkunst. Natürlich entpuppte sich diese gespielte Verzweiflung als rhetorische Frage, denn anhand verschiedener Beispiele machte Hornberger mehr als deutlich, dass Musik sehr wohl greifbar gemacht werden kann und theaterwissenschaftliche Begriffe wie z.B. Inszenierung und Performativität auch für Musikdiskurse produktiv sein können. Das Spiel mit Raum und Authentizität und die Ambivalenz von Star und Privatmenschen wiesen nicht nur auf die Homologie als Phänomen der Popkultur hin, sondern auch als Referenzpunkt eines erstrebenswerten ‚way of life‘ der Fans. Diesen Punkt griff Thomas Hecken (Siegen) in Bezug auf einen Personenkult auf. Hecken, seines Zeichens Germanist, dehnte die Bedeutung der Philologie auf die Erforschung der Sprache des ‚homologen Popstars‘ aus. „Es steht immer eine Person im Mittelpunkt“, so Hecken, womit er die Symbolkraft des Pop-Charakters unterstrich. Die Überlegung, dass ein Künstler mit seiner Persönlichkeit das Werk zusammenhalte, rechtfertigt die Erforschung von Elementen, die zu Homologie führen bzw. einen homologen Charakter hervorbringen können.

Der Tag endete mit einem Nachwuchs-Workshop, der von Susanne Binas-Preisendörfer und Christoph Jacke geleitet wurde. Das ursprüngliche Vorhaben, sich mit zehn Lebensläufen intensiv auseinanderzusetzen, musste aufgrund des großen Andrangs leider verworfen und durch eine große Vorstellungsrunde ersetzt werden. Insgesamt wurde deutlich, dass Populäre Musik-Forschung (in Deutschland) noch immer nicht die Anerkennung findet, die gemessen an der gesellschaftlichen Relevanz ihres Gegenstandes angemessen wäre, Promovenen deshalb nur schwer finanzielle Unterstützung für ihre Dissertationen finden und der Weg zur Professur nicht nur steinig, sondern vor allem auch sehr lang werden kann.

Das zweite Panel widmete sich den Perspektiven auf Populäre Musik, die sich aus den Methoden der empirischen Kultur- und Sozialforschung ergeben. Zu Beginn berichtete die Musiksoziologin Sarah Chaker (Wien) über das starke Zwei-Schulen-Denken ihrer Disziplin und bemängelte, dass die Forschung häufig methodisch und weniger vom Erkenntnisinteresse her konzipiert sei. Im Anschluss stellte sie in aller Kürze die Methoden der empirischen Sozialforschung vor und warb ausdrücklich für einen triangulativen Forschungsansatz, in dem quantitative und qualitative Methoden kombiniert werden. Der Musikethnologe Julio Mendívil (Hildesheim) erläuterte anschließend anhand der Geschichte seiner Disziplin, warum Populäre Musik zum Nicht-Gegenstand erklärt wurde und wird: Ihr fehle es, so der Hauptvorwurf, aufgrund ihrer Kommerzialität und Funktionalität an Authentizität. Er selbst kritisierte die häufig fachpolitische In- und Exklusion von Themen, die im globalen Zeitalter kaum haltbar scheinen, gerade weil musikethnologische Methoden auch auf Populäre Musik gut anwendbar wären. Ilka Siegenburgs (Münster) instrumentalpädagogische Perspektive fiel dagegen etwas optimistischer aus. Anhand qualitativer Auswirkungen einer fachspezifischen Zeitschrift zeigte sie die fortschreitende Aneignung des populären Feldes auf: Populäre Musik sei vom zu rechtfertigenden zum selbstverständlichen Gegenstand der Literatur geworden. Während noch vor zehn Jahren die Beschäftigung mit Pop durch die Attraktivität für SchülerInnen begründet wurde, ginge es heute um die tatsächlichen Stärken und Alleinstellungsmerkmale, wie z.B. der sozialen Interaktion in einer Band. Abschließend brachte Jan Hemming (Kassel) die Perspektive der Systematischen Musikwissenschaft ein. Er skizzierte eine Meta-Studie über den scheinbaren Zusammenhang zwischen extremer Ausprägung von (Metal-)Musik und aggressivem Verhalten der Hörerschaft. Den naheliegenden Kurzschluss, Metal-Hören mache aggressiv konnte er überzeugend ausräumen. Im anschließenden Gespräch war man sich einig, dass Teamarbeit unumgänglich sei, um popkulturellen Themen gerecht zu werden, da sie Multiperspektivität fordern, die ein Einzelner nicht leisten kann.

Eva Georgii-Hemming diskutierte in ihrer Keynote „How mobile is man? On the social sounds of music“ die sich verändernden Bedingungen des Musikkonsums und die damit einhergehenden sozialen Veränderungen. Musikhören hat immer auch eine soziale Komponente. Wir verorten uns durch unsere Musikauswahl in der Gesellschaft und wir konstruieren unsere Persönlichkeit durch die Musik, mit der wir uns identifizieren. Gleichzeitig schreiben wir Musik individuell Bedeutung zu. Die Art des Musikhörens hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Wir können jederzeit auf unendlich viel Musik zugreifen und sie an jeden Ort mitnehmen, außerdem können wir sie in Netzwerken teilen. Der soziale Faktor verlagert sich dadurch in einen globalen, hybriden und nicht mehr greifbaren Raum.

Das dritte Panel umfasste diverse ökonomische Perspektiven auf die Populäre Musik. Zu Beginn beschäftigten sich Philip Stade (Köln) und Frédéric Döhl (Berlin) mit der Urheberrechtsproblematik im Kontext von Sound-Sampling. Durch die Digitalisierung der Musikproduktion sei das Thema innerhalb weniger Jahre brisant geworden. Die rechtliche Lage sei jedoch noch weitgehend unklar und die Rechtsprechung deshalb oft willkürlich. Laut Döhl ist der Versuch juristische Antworten auf ästhetische Fragen zu geben zum Scheitern verurteilt. Beide Referenten gaben keine Lösung vor, plädierten jedoch für eine liberalere Handhabung und zweifelten den bestehenden AutorInnenbegriff als überholt an. Einblicke in die sozialwissenschaftliche Raumforschung gab anschließend Sonja Beran (Wien). Sie zeigte Perspektiven aus Raumplanung und Politikfeldanalyse auf, durch die die Produktion räumlicher Verhältnisse als Wirkung gesellschaftlichen und kulturellen Handelns erforscht werden könne. Interaktion, Netzwerke und Machtverhältnisse könnten so analysiert und der Fokus der Stadtpolitik weg vom Wirtschaftsdiskurs hin zum konkreten räumlichen Geschehen gelenkt werden. Martin Lücke (Berlin) stellte im Anschluss daran „Crowdfunding“ als ein aktuelles musikwirtschaftliches Phänomen vor, das als Folge der Krise der Plattenindustrie eine neue Möglichkeit darstelle, Musikproduktionen über eine Spenden-Crowd zu finanzieren, die eine Gegenleistung, z.B. die mit ihrem Geld produzierte CD erhält. Noch sei der Marktanteil gering, er verzeichne aber ein großes Wachstum. Ein Vorteil des Crowdfundings sei, neben der Unabhängigkeit von den großen Plattenfirmen, die frühzeitige Bindung der mitwirkenden Crowd an den kulturellen Gegenstand. Eine Meta-Perspektive dazu nahm abschließend Peter Tschmuck (Wien) ein, der die Musikwirtschaftsforschung vorstellte. Diese analysiere Settings und Praktiken in Kulturbetrieben. Über diese Analysen könnten z. B. Paradigmenwechsel in der Geschichte der Musikindustrie aufgezeigt und erklärt werden. Kulturbetriebe würden hier als Filter dessen gesehen, was an Musik „passiert“: hier werde Musik zur Ware modifiziert, ohne dabei ihren symbolischen Wert zu verlieren. Vielmehr träten in Kulturbetrieben der symbolische bzw. der kulturelle Wert mit dem ökonomischen Wert der Musik in Interaktion.

Das vierte Panel „Stimmen, Sounds und Performance – methodische Differenzierung in der Diskussion“ eröffnete Martin Pfleiderer (Weimar). Die in seinem Vortrag herangezogenen Forschungsansätze aus der Systematischen Musikwissenschaft, der Historischen Musikwissenschaft und der Musikethnologie deuteten daraufhin, dass für ihn die Methodenvielfalt im Zentrum der Popmusikforschung steht. Für Pfleiderer ist die Öffnung der Disziplinen nötig, um die genannten Forschungsansätze und Disziplinen in einer produktiven Zusammenarbeit zu vereinen. Ähnlich wirkungsorientiert bezeichnete Werner Jauk (Graz) unter dem Banner „Systematische Musikwissenschaft als empirische Kulturwissenschaft“ in seinem Vortrag Pop-Sound als Kultur für „everybody“. In dieser Körperkultur, in welcher der Pop-Sound am eigenen Leib gespürt wird, wirke er außerdem als distinguierende Kollektivierung. Musikhörende drückten sich nicht nur durch repräsentatives Gestalten aus, sondern definierten sich durch ihre beiden Wirkungsgrößen neu. Die beiden Soundforscher Jens Gerrit Papenburg (Berlin) und Holger Schulze (Lüneburg) gingen in ihrem Vortrag „Klang als Popkultur. Ein methodischer Vorschlag“ gar einen Schritt zurück, um nicht nur die Forschung über Klang, sondern die Forschung durch Klang hervorzuheben und verwiesen auf das Homologe in der Produktion, in der Rezeption und in der Forschung selbst. Papenburg und Schulze betonten, dass Forschung durch Klang nur in einem entsprechenden Raum zu entsprechenden Ergebnissen führen kann, da jener Raum von der Musik nicht zu trennen ist, egal ob es um Genrefragen, Subkulturen oder Ethnologie dreht.

Im Anschluss an das letzte Panel luden die Verantwortlichen die Teilnehmenden zu einer Abschlussrunde ein, in der das gesamte Wochenende reflektiert und Kritik geäußert werden konnte. Das allgemeine Stimmungsbild fiel sehr positiv aus, einige konstruktive Verbesserungsvorschläge wurden zur Diskussion gestellt. Neben der Bildung von Arbeitsgruppen und Panels zu einem konkreten Gegenstand, der dann aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden soll wurde so unter anderem auch für eine größere Freiheit für die Vortragenden in der Ausgestaltung ihrer Präsentation plädiert. Diskutiert wurde auch der fragliche Erfolg der anfangs postulierten „flachen Hierarchie“, in der sich alle Teilnehmenden auf Augenhöhe begegnen können sollten. In diesem Zusammenhang wurde vor allem die Poster-Session kritisiert, deren Zeitrahmen von vielen als Kaffeepause genutzt wurde und die so nicht die angemessene Aufmerksamkeit erhielt. Während die Gegenseite die Poster als eine willkommene Gelegenheit für Nachwuchswissenschaftler verteidigte, ihre Forschung ohne Druck präsentieren zu können, fehlte leider eine Wortmeldung der Betroffenen selbst, die sicherlich aufschlussreich gewesen wäre.

Bleibt die Frage, ob die erste wissenschaftliche Konferenz des IASPM-DACH ihrem Thema “Conceptualising popular music. Öffnungen, Aneignung, Positionen” und den darin implizierten Erwartungen gerecht werden konnte. Zunächst einmal zeigt die Tatsache, dass sich überhaupt so viele Teilnehmende aus den unterschiedlichsten Bereichen in Siegen zusammenfanden, nicht nur die Relevanz des Themas, sondern auch, dass die einzelnen Disziplinen durchaus bereit sind, sich zu öffnen und zusammenzuarbeiten, sich neue Perspektiven, Theorien und Methoden anzueignen und dabei die eigenen Stärken einzubringen. Die einzelnen Beiträge machten dabei die Differenzen zwischen den einzelnen Fachdisziplinen klar und lieferten gleichzeitig zahlreiche Beispiele und Anregungen dafür, wie sich in Zukunft gemeinsam den verschiedenen Phänomenen der Populären Musik genähert werden könnte. Wenn also bald StädteplanerInnen Hand in Hand mit MusikwissenschaftlerInnen und AnwältInnen an der Erforschung von Populärer Musik arbeiten, ist dies zum Teil sicherlich auch ein Verdienst der ersten Konferenz des IASMP-DACH.

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