Konferenzbericht: „Darüber hinaus…Populäre Musik und Überschreitung(en)“

Konferenzbericht IASPM-D-A-CH-Konferenz 2016

„Darüber hinaus…Populäre Musik und Überschreitung(en)“

2 scroll down for english version
Die diesjährige IASPM-D-A-CH-Konferenz fand an der Karl-Franzens-Universität in Graz statt. Auf den Call hatten sich über 50 WissenschaftlerInnen gemeldet, wodurch die Konferenz mit einem dichten Zeitplan und anspruchsvollem Programm über drei Tage hinweg aufwarteten konnte.

 

Donnerstag, 20.10.16

Thematischer Schwerpunkt der Konferenz waren Überschreitungen im wörtlichen wie auch im übertragenem Sinn. So war die Konferenz selbst in das größere Rahmenprogramm des Elevate Festivals in Graz eingebunden und wurde von Gastgeber Werner Jauk während der Eröffnungsfeier auf der Festivalbühne dem Festivalpublikum vorgestellt.

 

Freitag, 21.10.16

Bevor die Konferenz „offiziell“ begann, wurden im als „panel 0“ bezeichnetem Vormittag aktuelle Forschungsprojekte aus Österreich vorgestellt. Nach den Grußworten des Institutsleiters der Musikwissenschaft Michael Walter führte Jochen Bonz (Universität Innsbruck) in seiner Keynote in die Konferenzthematik ein. Unter dem Titel „Das Ich hat keine Grenze, es ist eine Grenze“ thematisierte Bonz nicht nur Grenzen und Grenzüberschreitungen, sondern vor allem die Erfahrung von Grenzen und deren Überschreitung des forschenden Subjekts. Auf Bonz’ Ausführungen bezogen sich die Vortragenden auch im weiteren Verlauf der Konferenz immer wieder.

Das erste Panel thematisierte gesellschaftliche und politische Überschreitungen populärer Musik. Stefanie Alisch (Universität Bayreuth) präsentierte ihre Forschung zu Kuduro in Angola und untersuchte die Verquickung von MusikerInnen und Musik mit PolitikerInnen und politischen Inhalten. Danach referierte Christian Diemer (Hochschule Weimar) über identifikatorische Aspekte ukrainischer Popmusik im Bezug zur aktuellen „Ukraine-Krise“ seit den Maidan-Protesten. Im Anschluss präsentierte Reinhard Kopanski (Universität Siegen) nationalsozialistische Bezüge im Werk der Band „Throbbing Gristle“ und deren ambivalente Rezeption in der Avantgarde-Musikgeschichtsschreibung.

Im folgenden Panel hielt Lena J. Müller (Universität Berlin) einen Vortrag über „Weißes Begehren in der Aneignung Schwarzer Musik“, in dem sie zunächst den Text „Music and Identity“ von Simon Frith einer kritischen, postkolonial geschulten Lesart unterzog und daraus abstrahierend eine Problematisierung der privilegierten Stellung des/der Musikanalysierenden formulierte. Atlanta I. Beyer (Universität Oldenburg) stellte ihre Forschung zu ästhetischen Praxen der Queer-Punk Szene am Beispiel der Hardcore Pin-Ups in Underground Fanzines vor. Den Abschluss des Panels bildete der Vortrag von Leon Clowes (Goldsmith University London), der seine eigenen Erfahrungen mit „Anti-Gay Clubs“ thematisierte und eine alternative Geschichte der LGBT-Clubscene in England entwarf.

Während des Abendprogramms im Rahmen des Elevate Diskursprogramms engagierten sich Bianca Ludewig (Universität Berlin) und Thomas Burkhalter (Universität Bern) mit Beiträgen zum Thema „Cultural Entrepreneurship“.

 

Samstag, 22.10.2016

Das Programm am Samstag eröffnete Martin Ringsmut (Universität zu Köln) mit einem Vortrag über „musical cyborgs“ und der Rolle von Technologien und deren Sounds im sozialen Feld des Tonstudios. Josef Schaubruch (Universität Lüneburg) stellte anschließend erste Ergebnisse seiner Dissertation zum Thema „Liveness“ und deren Umsetzungen und Ausformungen in elektronischer Tanzmusik vor. Danach referierte Bianca Ludewig über verschiedene Formen der Überschreitungen bei transmedialen Festivals und schuf damit eine weitere Brücke zum parallel stattfindenden Festival.

Kathrin Dreckmann (Universität Düsseldorf) eröffnete das nächste Panel mit einem Vortrag über die Überschreitungen künstlerischer Formen in David Bowies Poptheater. Im Anschluss präsentierte Sarah Chaker (Universität Wien) zusammen mit dem Komponisten Bernhard Gander eine Interpretation der Stücke Ganders im Dialog zwischen Musikwissenschaft und Komposition. Der letzte Beitrag vor der Mittagspause kam von Marko Ciciliani und Susanne Sackl-Sharif (beide Kunstuniversität Graz), die ihre vorläufigen Ergebnisse aus der laufenden multidisziplinaren Studie zur „Gamification audiovisueller Performances“ vorstellten und einen neuen, experimentellen Forschungsrahmen menschlichen Verhaltens zwischen Performance und Spiel thematisierten.

Im Rahmen der folgenden Posterpräsentationen wurden die multimedialen Beiträge von Emilia Barna, Karoline Engelhardt, Don Jose Galvez, Petra Hamer, Johannes Rath und André Rottgeri diskutiert. Die Arbeiten reichten von Abschlussarbeiten über aktuelle Forschungsprojekte hin zu Habilitationsentwürfen. Die Poster wurden während der gesamten Konferenz im Künstlerhaus, Halle für Kunst und Medien ausgestellt.

Im folgenden Panel stellte Georg Fischer (TU Berlin) seine Forschungsergebnisse zur Samplekultur im Spannungsfeld zwischen kreativer Praxis und deutschem Urheberecht am Beispiel des Rechtstreits zwischen Kraftwerk und Moses Pelham vor. Hannes Liechti (Universität Bern) schloss daran an und präsentierte sein Dissertationsprojekt über Orts- bzw. Kulturreferenzen mittels Analysen verschiedener Tracks aus dem Bereich globaler, urbaner Club-Musik. Danach referierte Monika Schoop (Universität zu Köln) über die Indie-Szene in Metro Manila und argumentierte, dass sich die Szene nicht durch ein musikalisches Genre, sondern durch soziale Relationen der Akteurinnen und Akteure definiere.

Die letzten Vorträge des Tages kamen von Giuseppe Zevolli (Kings College London), der über die Verwendung von „Mainstream“-Musik in Remixes und deren Legitimierung durch eine Einbettung in die Autobiographie der MusikerInnen sprach, sowie von Thorsten Hindrichs (Universität Mainz), der einen Beitrag zur unsichtbaren Musikgeschichte deutscher Popmusik am Beispiel des Duos Cindy und Bert lieferte und damit eine Absage an die immer noch vorherrschenden „Meistererzählungen“ der Musikgeschichte richtete.

Im Anschluss fand die IASPM-D-A-CH-Vollversammlung statt, auf der der neue Vorstand gewählt wurde. http://iaspm-dach.net/ueber_uns/

Sonntag, 23.10.2016

Das letzte Panel am Sonntagvormittag bildeten Dietmar Elflein (TU Braunschweig), der seine aktuelle Forschung zur Soulrezeption in Deutschland vorstellte, und Thomas Burkhalter, der mit seiner Vorstellung der Multimediaplattform Norient.com ein emotionales Plädoyer für ein grenzüberschreitendes Agieren zwischen Wissenschaft, Unternehmertum und medialer Verbreitung von Musik hielt, womit der Tenor der Konferenz noch einmal aufgenommen wurde und der Vortrag einen passenden Abschluss bildete.

– Martin Ringsmut

 
Conference report – english version

 

IASPM-D-A-CH-Conference 2016

„Darüber hinaus…Populäre Musik und Überschreitung(en)“

6

The 2016 IASPM-D-A-CH conference took place at the Karl-Franzens-University in Graz. Over 50 scientists submitted their proposals which resulted in an wonderful conference program and a tight three-days time schedule.

Friday 10-21-16

 

Labelled as panel 0, current Austrian research projects were introduced to the conference visitors on the first morning. Afterwards, Michael Walter, the director of the musicological institute in Graz, officially opened the conference. The keynote speech „Das Ich hat keine Grenze, es ist eine Grenze“ (“The self does not have boundaries, it is a boundary”) was given by Jochen Bonz (University Innsbruck), introducing the topic of transgression of the self in research as a phenomenological source for musicological and sociological investigations. This topic was frequently referred to during the rest of the conference.

 

The first panel discussed political and social transgressions of popular music. Stefanie Alisch (University Bayreuth) presented her work on Angolan Kuduro and its ties to the political spheres. Christian Diemer (Franz Liszt University Weimar) presented a paper on genre transgressions in Ukrainian popular music since the Maidan incidences, and Reinhard Kopanski (University Siegen) presented a paper on NS-aesthetics in avantgarde music exemplified by the band „Throbbing Gristle“.

 

The following panel focused on body politics and identity. Lena J. Müller (Hunboldt University Berlin) analyzed the canonical text from Simon Frith „Music and Identity“, deconstructing Frith’s implicit, privileged position inside the text – a criticism, which she then expanded to include white scholars researching black music in general. Thereafter, Atlanta I. Beyer presented her research on queer punk aesthetics exemplified by the depiction of Pin-ups in underground zines. The last presentation of the panel was given by Leon Clowes (Goldsmiths University London), who shared his experiences in „Anti-Gay clubs“, drafting an alternative history of the LGBT club scene in England.

The evening program included contributions from Bianca Ludwig (University Berlin) and Thomas Burkhalter (University Bern) in the Elevates festival discussion forum „Cultural Entrepreneurship“.

 

Saturday, 10-22-16

Martin Ringsmut (University of Cologne) opened the first panel on Saturday morning with his presentation about musical cyborgs’ and technology’s role in the construction of the social field in recording situations. Josef Schaubruch (University Lüneburg) presented his preliminary research on ‚liveness‘ in electronic dance music, and Bianca Ludewig gave a lecture on transgressions in transmedia festivals.

The next panel focused on performative arts. Kathrin Dreckmann (University Düsseldorf) spoke about transgressions in David Bowies pop theater, Sarah Chaker (University Vienna) and Bernhard Gander presented a dialogic interpretation between musicologist and composer of Ganders work, and Marko Cicilliani and Susanne Sackl-Sharif (University Graz) presented their preliminary research results on „Gamification in audio-visual performances“.

Following the lunch break, Emilia Barna, Don Jose Galvez, Petra Hamer, Johannes Rath, Karoline Engelhardt and André Rottgeri presented their posters covering a wide range of topics, from preliminary research to habilitation projects. The exhibition of the multimedia poster presentations was set during the entire conference in the „Halle für Kunst und Medien“ in Graz.

The presentations in the next panel examined the topic ‚significance and reference.‘ Georg Fischer (TU Berlin) presented his work on copyright and the German sampling culture, exemplified by the famous lawsuit of Kraftwerk against Moses Pelham. Hannes Liechti (University Bern) developed his ideas about a track-focused analysis of place references in global club music, and Monika Schoop (University of Cologne) presented her work on Metro Manila’s independent music scene that challenges common conceptions of music scenes in musicology.

In the last panel, Guiseppe Zevolli (King’s College London) spoke about definitions and re-definitions of the ‚mainstream’ in popular music. The last paper of the day was given by Thorsten Hindrichs (University Mainz), who explored the yet to be written history of German popular music on the basis of ‚Cindy und Bert’.

Following the presentations, the plenary meeting of IASPM-D-A-CH was held and a new executive board was elected. http://iaspm-dach.net/ueber_uns/

 

Sunday, 10-23-16

During the last panel of the conference, Dietmar Elflein presented his ongoing research on the reception and appropriation of Soul music in Germany, and Thomas Burkhalter presented the multi-media platform Norient.com.

– Martin Ringsmut

 

%d Bloggern gefällt das: