CfP: Wie klingt Demokratie? (Paris)

„Wie klingt Demokratie? / Musiques en démocratie“
5.-7. November 2015 – Philharmonie Paris
Deadline: 15. Mai 2015

Eine internationale Tagung wird sich vom 5. bis 7. November 2015 in der Philharmonie Paris mit der Frage „Wie klingt Demokratie?“ beschäftigen. Gefragt sind Beiträge aus den unterschiedlichsten Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Mit der provokanten Frage möchte die deutsch-französisch organisierte Tagung einen Raum öffnen, um Konzeptionen und Funktionalisierungspotentiale von Musik innerhalb demokratisch ausgerichteter Gesellschaftsformationen zu diskutieren. Die Beziehung von Musik und Politik wurde insbesondere in der Repräsentation feudaler Gesellschaftsordnungen und im Rahmen ideologischer Instrumentalisierung von Musik in totalitären Herrschaftssystemen eng miteinander verschränkt gedacht. Aus dieser Perspektive scheint das Verhältnis von Musik und Politik gefährliche oder zumindest problematische Implikationen in sich zu tragen. Problematisch erscheint diese Beziehung zudem in Hinblick auf ein (unhinterfragtes) Autonomiepostulat und das Prinzip künstlerischer Freiheit.

Demgegenüber wiederum steht die positiv konnotierte Kraft von Musik, deren Potential in Widerstands-, Protest- und Befreiungsbewegungen und damit in gemeinschafts- und identitätsbildenden Prozessen mobilisiert wird. Diese verschiedenen Blickwinkel nicht als Widerspruch sondern als Ausdruck der Komplexität der Beziehungen zwischen musikalischen Praktiken und den vielfältigen Konzeptionen sozialer Gemeinschaft zu betrachten, ist Ausgangspunkt der Tagung. In zugleich historischer und anthropologischer Perspektive rücken dabei die vielfältigen Erscheinungsformen musikalischer Praktiken, Diskurse und sozialer Handlungsebenen (Staat, regionale und lokale Gemeinschaften, Vereine und Interessengruppen, etc.) innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaftsformationen ins Zentrum der Betrachtung:

Wie kann man bspw. erklären, dass gerade Musik häufig dazu dient, eine Gesellschaft als besonders frei und gleichberechtigt zu versinnbildlichen bzw. Musik selbst als Mittel der Gestaltung von Gesellschaft zu begreifen? Welche Voraussetzungen und Intentionen unterliegen einem Verständnis von Musik als soziales „Gemeingut“? Inwiefern sind unterschiedliche Akteure/ Experten (Forscher, Mitglieder verschiedener Interessengruppen oder auch militanter Assoziationen) am Prozess der Legitimation staatlicher Interventionen in verschiedenen musikalischen Sphären (künstlerisches Schaffen, Vermittlung, Bildung, Konstruktion musikalischer Räume) beteiligt?

Zur Diskussion stehen damit auch Begriffe wie Kultur, Musik, Gesellschaft, Volk etc., um deren Definition im Spannungsfeld von gesellschaftlicher Legitimation und Widerspruch gerungen wird. Musikalisches Handeln in Bezug auf den Begriff der Demokratie und dieses damit innerhalb seiner sozialen und politischen Vermittlungsprozesse zu problematisieren, erfordert somit eine Offenheit der Herangehensweise. Zwar verbinden sich auch mit dem Begriff der Demokratie zunächst einheitsstiftende gesellschaftliche Ideale und politische Normative, doch variieren die Bezugnahmen auf und die praktischen Umsetzungen von diesem Konzept deutlich je nach zeitlichem und räumlichem Kontext.

Um diese Vielfalt sichtbar machen zu können, nimmt die Tagung die longue durée in den Blick und verfolgt Ideen eines demokratischen Denkens in der Musik – mit ihren Kontinuitäten und Brüchen – von ihrem ersten Auftauchen (Ende 18./ Anfang 19.Jh.) bis in die heutige Zeit. Gleichzeitig wird ein auch räumlich weit gefasster Ansatz vertreten. Dabei können die Fälle Frankreich und Deutschland als Ausgangspunkt dienen, doch soll sich nicht darauf beschränkt und vielmehr Bezugnahmen zwischen unterschiedlichen Ländern und kulturellen Kontexten hergestellt werden.
Im Rahmen dieser Ausgangsfragen sind Beiträge zu einem oder mehreren der folgenden Schwerpunkte herzlich willkommen:

Musik und Staatlichkeit: auf Musik bezogene Kultur- und Bildungspolitiken; Debatten um gesellschaftliche Repräsentation und Partizipation; Institutionalisierungsprozesse; etc.

Ideengeschichte(n): historische Stationen und Verläufe des Ideenkomplexes „Musik und Demokratie“; Prozesse der Mobilisierung und Stabilisierung sowie Kontroversen damit verbundener Konzepte (musikalische Autonomie, Repräsentation, kulturelle Vielfalt, etc.); Konstruktion musikalischer Hierarchien und Genres; etc.

Kreativität und Politik: Debatten um Definition und Diversität des Kultur- und Musikbegriffs aus Perspektive von Kreativschaffenden (Soziokultur, Kultur für alle, etc.); Konzeptionen von Gesellschaft und Politik, die musikalischen Praktiken unterliegen; politisch motivierte Musik; etc.

Raum und Rezeption: Konstruktion musikalischer Räume und Ereignisse in demokratisch verfassten Gemeinschaften (Konzertsäle, Festivals, Konservatorien/Musikhochschulen, Radio, etc.); soziale und symbolische Dimensionen architektonischer Konzeptionen und Verortungen im Raum; Debatten um soziale Verantwortung und Finanzierung musikalischer Räume und Ereignisse; etc.

Musikalische Öffentlichkeiten: Praktiken und Kontexte des Hörens und der Rezeption; Konzepte von Öffentlichkeiten (Elite, Mainstream, Masse, Hörer, Audience, Fans, etc.); Mittel der Konstruktion und Repräsentation von Öffentlichkeit (Statistiken, Expertenstudien, Marktanalysen, Selbstorganisation, Medialisierung); etc.

Indem die Tagung zu Beiträgen einlädt, die sich mit unterschiedlichen historischen und räumlichen Konstellationen beschäftigen und sich dabei an verschiedenen Zugängen (Akteure, Institutionen, Praktiken, Diskurse) orientieren, möchte sie ein Forum öffnen, dass der Vielfalt der mit diesem Thema verbundenen Perspektiven Rechnung trägt. Ziel dabei ist, das Verhältnis von Musik und Politik in seiner Komplexität und verschiedenen Erscheinungsformen innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaftsformationen sichtbar zu machen.

Sehr willkommen sind dabei Beiträge aus einem breiten geistes- und sozialwissenschaftlichen Spektrum (Geschichte, Anthropologie, Musikwissenschaft, Musikethnologie, Politikwissenschaft, Soziologie, Erziehungswissenschaft, Theaterwissenschaft, etc.)

Konferenzsprachen sind Französisch, Deutsch und Englisch.

Beitragsvorschläge (Abstract max. 2000 Zeichen, CV max. 500 Zeichen) können bis spätestens zum 15. Mai 2015 an folgende Adresse gesendet werden: musikdemokratie@gmail.com.
Zusagen über angenommene Beiträge werden bis zum 30. Juni 2015 übermittelt und das Tagungsprogramm online veröffentlicht.

Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge!

Mitglieder des wissenschaftlichen Komitees:

Philip Bohlman, Esteban Buch, Annegret Fauser, Wolfgang Fuhrmann, Antoine Hennion, Denis Laborde, Karine Le Bail, Julio Mendívil, Olivier Roueff, Patrice Veit, Raimund Vogels, Sarah Zalfen, Hansjakob Ziemer

Organisationsteam:

Talia Bachir-Loopuyt (Université Jean-Monnet), Etienne Jardin (Palazzetto Bru Zane), Christina Kaps (Humboldt-Universität zu Berlin), Elsa Rieu (Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales Paris), Lena van der Hoven (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung)

Partner:
L’Ecole des hautes études en sciences sociales Paris (Centre de recherches sur les arts et le langage & Centre Georg Simmel); Centre Marc Bloch Berlin; Palazzetto Bru Zane Venedig; Center for Worldmusic Hildesheim; Philharmonie Paris

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