CfP: Aneignungsformen populärer Musik (Braunschweig)

  1. Arbeitstagung der Gesellschaft für Popularmusikforschung e.V. (GfPM):
    “Aneignungsformen populärer Musik”
    20.–22. November 2015 – Institut für Musik und ihre Vermittlung, Technischen Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
    Deadline: 15. März 2015

In der Produktion und Rezeption von Musik gibt es immer wieder Momente des Aufhorchens, Hinhörens, Sich-Vertiefens, die zu Momenten des Mit-Fühlens, Mit-Denkens, Machens, Mit-Machens und manchmal auch Nach-Machens werden. In diesen Momenten machen sich Komponisten und Hörer Musik zu eigen: Sie lernen den Song (kennen) auf der Basis eigener Erfahrungen, übersetzen ihn in ihre Welt: Verstehen ihn als Teil ihres Lebens, begreifen ihn auf ihren eigenen Instrumenten, verkörpern ihn als Tänzer, erklären ihn als Forschend-Fragende, kurz: Sie eignen sich den Song an.

Dabei werden diese Aneignungsprozesse auch nach außen getragen: durch Demonstrationen von Kompetenz und Definitionsmacht (z.B. im Musikjournalismus, aber auch auf Fanseiten im Internet), durch Vorführungen des Beherrschens (z.B. in Konzerten und Vorspielen), durch Verteidigung der eigenen Präferenzen gegenüber anderen, durch ständige Auffrischung der Erinnerung (z.B. im Fall des „Unser-Lied“-Phänomens). Musiker selbst haben über diese Prozesse kaum die Kontrolle. Aus ihrem Song wird mit jeder Aneignung ein anderer: politisch aufgeladen oder völlig unpolitisch rezipiert, als Aufruf zu Gewalt oder zur Party gehört, didaktisch reduziert oder komplex umarrangiert, stümperhaft nachgeklampft oder virtuos gecovert, banal verstanden oder wissenschaftlich komplex beschrieben.

Die Tagung soll die hier skizzierte Vielgestaltigkeit der Aneignungsformen des Populären mit Beiträgen aus allen für die Popularmusikforschung relevanten Disziplinen (Musikwissenschaft und -pädagogik, Kultur-, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Gender Studies, postkoloniale Theorien, Netzwerktheorien der Soziologie etc.) diskutieren. Dabei soll es weniger um die Ergebnisse und Folgen als um die Beschreibung der Prozesse der Aneignung gehen. Wie sind solche Aneignungsprozesse psychologisch für das Individuum zu erklären? Wie funktionieren sie auf sozialer und kommunikativer Ebene? Welche Rolle spielen die Medien, welche spielen Bildungsinstitutionen, welche die Musikwirtschaft? Wer sind die sozial Handelnden solcher Prozesse: Peers, Autoritäten, die „Masse“ oder doch nur die einzelnen Musiker und ihre individuellen Hörer? Wie gehen Musiker mit dem aus ihrer Sicht falschen oder richtigen Verstehen ihrer Songs durch ihre Hörer um? Gibt es geschlechtsspezifische Arten der Aneignung populärer Musik oder auch unterschiedliche Aneignungsweisen in unterschiedlichen Kulturen? Wie kommt die Musikproduktion den Aneignungsprozessen der angestrebten Rezipienten entgegen? Welche Auswirkungen hat die Globalisierung auf diese Prozesse?

Aus der Perspektive der Systematischen Musikpädagogik zielt der Aneignungsbegriff auf eine ganze Reihe neuer didaktischer Felder: Außerunterrichtliche Aneignungspraxen der populären Musik, sogenannte informelle Lernformen, gewinnen zunehmend für die Praxis der Musikunterrichts an Relevanz. Möglicherweise provoziert diese Entwicklung einen neuen und zeitgemäßen Begriff musikalischer Bildung. Informelle Lernformen beziehen sich aber auch auf tutorielle Formen der Aneignung im Internet. Auch diese fordern dazu auf, den schulischen Lernbegriff neu zu interpretieren. Ein weiteres Feld stellt die Lehrerbildung dar. Zwischen dem derzeitigen Stand Forschung zu populärer Musik und dem Wissensstand unterrichtender Musiklehrerinnen und Musiklehrer besteht eine große Diskrepanz. Gleiches lässt sich in den Unterrichtswerken der Lehrmittelindustrie beobachten. Dieser Missstand fordert die Diskussion adäquater Modelle des Wissenstransfers zwischen Wissenschaft und Didaktik.

Wie immer sind darüber hinaus alle Mitglieder der GfPM (und solche, die es werden wollen) herzlich eingeladen, ihre aktuellen Forschungen unabhängig vom Schwerpunktthema in freien Beiträgen vorzustellen.

Vorschläge für Beiträge zum Schwerpunkt sowie auch für freie Beiträge senden Sie bitte in Form eines Abstracts von nicht mehr als 400 Worten bis zum 15. März 2015 an unsere Geschäftsstelle (Dr. Alenka Barber-Kersovan, Ahornweg 154, D-25469 Halstenbek, barber@popularmusikforschung.de). Das Abstract sollte einen aussagekräftigen Titel sowie möglichst genau formulierte Angaben zur Fragestellung, zum Gegenstand und zur Methodik enthalten.

Viele weitere Informationen zur Gesellschaft für Popularmusikforschung finden sie auf unseren Webseiten unter popularmusikforschung.de oder direkt bei der Geschäftsstelle.

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